Corona Quarantäne oder wie ich endlich wieder Zeit fand einen Blogbeitrag zu schreiben

Sonntag 22.03.20 18.59 – Tag 7 (für mich 9) der Quarantäne

Okay eigentlich bin ich gar nicht unter Quarantäne, sondern in Selbstisolation aber Quarantäne klingt gleich viel dramatischer und dramatisch ist doch gut um den ersten Blogbeitrag seit langem zu schreiben. Der erste Beitrag seit langem der endlich wieder aus dem puren Drang zu schreiben entsteht und nicht aus dem Gefühl, ich sollte mal wieder…

Spulen wir ein bisschen zurück. Freitag der 13.03.20 (ob die Regierung absichtlich den Freitag den 13. dafür gewählt hat?) oder der Tag an dem die Maßnahmen ausgesprochen und mir vorübergehend mein Baby aka THE WYLD THING weggenommen wurde…

Ich muss zugeben, ich war eine der Leugnerinnen. Eine die sich über das Virus lustig gemacht hat und eine von denen die gesagt hat, eine normale Grippe sei gleich schlimm. Shame on me, aber im Nachhinein ist man ja immer oder zumindest öfter gescheiter. Als allerdings im Rahmen der Pressekonferenz verkündet wurde, dass ich ab dem 16.03. mein Yogastudio vorübergehend schließen musste, kam die Nachricht auch bei mir an und traf mich wie die Faust ins Gesicht oder eigentlich wie mehrere Fäuste. Dennoch entschloss ich mich dazu bereits ab dem selben Tag zu schließen. Zwei Tage mehr oder weniger, was machte das aus? Für mich nicht viel, für die Ausbreitung des Virus schon. Das war zwar keine leichte aber für mich moralisch die einzig vertretbare Entscheidung.

Es folgten Tage an denen ich vier von fünf Stufen der Trauer im Wechsel durchmachte – Leugnen, Zorn, Verhandeln, Depression. Zorn & Depression waren ganz vorne dabei. Ich weinte, ich war wütend, ich wollte es nicht wahrhaben, ich suchte Alternativen.

Ich fühlte mich meiner Freiheit beraubt und protestierte. „Den Park können sie mir aber nicht zusperren.“ Doch können sie… „Sie können mir nicht verbieten mein Bundesland zu verlassen.“ Doch können sie…

Und auf einmal war alles anders…

Freiheit ist einer meiner Kernwerte und mir diese in so vielen Bereichen wegzunehmen, hinterließ Wut, Trotz und ein beengendes Gefühl in meiner Brust. Schon lange nicht mehr laufen gewesen, lief ich am Montagmorgen eine Runde am Donaukanal. Nicht weil ich das Bedürfnis hatte zu laufen, sondern weil ich versuchte meiner verloren gegangenen Freiheit nachzurennen.

Ich hatte das Gefühl keine Kontrolle mehr zu haben, alles aus der Hand geben zu müssen. Und auch wenn ich weiß, dass ich Dinge prinzipiell nicht kontrollieren kann, so hatte ich zumindest meistens das Gefühl als wäre es so und dieses Gefühl ist für einen Kontrollfreak wie mich verdammt wichtig.

Ich versuchte den Sinn dahinter zu verstehen, war wütend weil ich nicht sehen konnte, was mir das Universum damit sagen wollte. Wieso ich? Ich mach doch eh schon so viel richtig. Kann ich bitte einmal mein perfektes Leben zurück haben?

Instagram Postings wie „Your grandparents went to war, all you have to do is sit on a Couch“ regten mich fürchterlich auf. Natürlich wusste ich, dass ich privilegiert war und anderswo Krieg, Hunger und Flüchtlingskrisen herrschen und trotzdem war es kaum auszuhalten. Ich fühlte mich schlecht wegen meiner Gedanken und Gefühle. Ich sollte es besser wissen, versuchen den Sinn aus der Sache herauszufinden. Und trotzdem fühlte es sich einfach nur schwer auf meiner Brust an.

Das Verdrängen der schlechten Gefühle machte es nicht besser und so entschied ich mich dazu sie anzunehmen. Und was soll ich sagen, wenn ich mir erlaube mich darüber zu beschweren, will ich mich gar nicht mehr so sehr darüber beschweren. Nur mehr ein kleines bisschen. Okay manchmal auch ein bisschen mehr…

Und am Ende wird alles gut? Aber wann ist es zu Ende?

Gleichzeitig machte ich mich mit meinem Freund und noch zwei anderen daran die Plattform supportyourlocals.at ins Leben zu rufen. Wir wollten helfen, nicht nur uns, auch anderen, die in unserer Situation waren und von heute auf morgen zusperren mussten. Wir überlegten, wie wir in dieser Zeit trotzdem für unsere Kunden da sein konnten und starteten mit Online Yogaklassen. Das Feedback war überwältigend und ich konnte gemeinsam mit vielen Leuten 108 Sonnengrüße zum Frühlingsbeginn machen, für die ich ansonsten keine Zeit gehabt hätte.

Verbindungen wurden wieder enger. Ich begann wieder mehr mit meinen Lieben zu telefonieren. Groll den ich gehegt hatte verblasste und wurde von Liebe ersetzt.

Ich trödelte und frühstückte am Wochenende sogar bis halb 11 und das obwohl ich schon um 6.00 aufgewacht war. Ganz ohne auf die Uhr zu schauen. Danach arbeitete ich, telefonierte eine Stunde, arbeitete wieder und erledigte all meine To-Dos. Ohne Stress, ohne Druck und es ging trotzdem.

Mein ganzes Leben lang renne ich. Seitdem ich selbstständig bin noch schneller. Jetzt bin ich gezwungen anzuhalten, durchzuatmen, innezuhalten und mich umzusehen.

Ich habe das erste Mal seit Beginn meiner Selbstständigkeit das Gefühl als würde eine Balance zwischen Arbeit und Freizeit entstehen. Gut, dass ich das schon seit Monaten versuche, es mir aber einfach nicht gelingen wollte…

Mittlerweile bin ich meistens bei Stufe 5 der Trauer der Akzeptanz angelangt und sogar darüber hinaus. Ich werde positiver, hoffnungsvoller und glaube ganz fest daran, dass alles gut werden wird. Zwischendurch falle ich zurück, werde traurig, wütend, jammere. Aber das ist okay, das gehört dazu. Denn jeden Tag wird aus dem massiven Kontrollverlust und den negativen Gefühlen mehr Positivität und neue Kraft und Energie.

Die steigende Zahl der Toten bringt mich zum Weinen, ich mache mir Gedanken um meine Eltern, Großeltern. Auch zum Weinen bringen mich die singenden Italiener auf ihren Balkonen, Delfine in den Häfen und die Satellitenbilder, die zeigen wie klar die Luft auf einmal wird. Meine Hoffnung, dass diese Welt doch wieder besser wird, wir es schaffen uns um 180 Grad zu drehen und wir den Kampf gegen den Klimawandel noch nicht verloren haben steigt. Tief in mir drin glaub ich, obwohl ich manchmal verzweifle, dass am Ende alles gut wird und wir aus alldem nur stärker hervorgehen. Vielleicht ist es wirklich ein Neuanfang….

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