Ein Haus, ein Kind haben, verheiratet und Rechtsanwältin sein. Das waren die Ziele meines 20-jährigen Ichs für mein 30-jähriges Ich.
In zwei Wochen werde ich 28. Meinen Job als Rechtsanwaltsanwärterin hab ich vor einem halben Jahr an den Nagel gehängt. Mit der Hochzeit habe ich es ganz und gar nicht eilig. Kinder sind nett, allerdings nur bei anderen. Und ein Haus wäre ein materieller Besitz, der mich momentan mehr belasten als glücklich machen würde. Kurz gesagt: mein 30-jähriges Ich wird voraussichtlich nichts von dem haben was mein 20-jähriges einmal wollte.
Bin ich traurig darüber, dass es nicht so kommen wird, wie ich es mir früher vorgestellt habe? Ganz und gar nicht. Im Gegenteil. Ich bin genau da wo ich sein will und arbeite und gehe dorthin, wo ich momentan hin will.
Mein 20-jähriges Ich war anders als mein heutiges. Hatte andere Wünsche, Träume, Ziele und Ideale. Genauso ist mein heutiges Ich aber auch anders als mein 35-jähriges es sein wird. Worauf ich heute hin arbeite und was ich heute möchte, kann mit 35 bereits wieder ganz anders sein. Und das ist okay.
Ich habe ehrlich gesagt einige Zeit gebraucht mir das einzugestehen. Ich habe versucht mich für meine Entscheidungen und Richtungsänderungen vor mir selbst zu rechtfertigen. Schau mal, dieser Bekannte hat gerade die Rechtsanwaltsprüfung erfolgreich absolviert. Schau da kommen die ersten Babys und es wird eifrig geheiratet. Schau da wird für das erste Eigenheim gespart und investiert. Und was tust du? Schmeißt deinen Job, machst eine Yogalehrerausbildung und gibst dein Erspartes lieber für Reisen aus als es in Immobilien oder ein Auto zu investieren. Aber he stopp! Ich will das alles nun Mal nicht mehr und was ich nicht will, werde ich auch nicht tun. Denn ich hab nur dieses eine Leben und das will ich nicht so leben wie ich einmal dachte, dass es sein soll sondern so wie ich es momentan will und so wie es mich momentan glücklich macht.
Auch heute schießen mir diese negativen Gedanken noch ab und zu in den Kopf und Schuldgefühle schleichen sich ein. Wenn es mal wieder so weit ist, atme ich tief durch und rufe mir in Erinnerung, dass ich all diese Dinge nicht möchte und genau das tue was ich will und in diesem Moment für mich als richtig empfinde.
Das negative am Planen war außerdem, dass ich immer mehr in der Zukunft als im Jetzt gelebt habe. Die Gedanken an die Zukunft haben mich teilweise vom Leben abgehalten. Ich war nicht richtig da und hab es verabsäumt Momente zu genießen weil mein Kopf schon wieder irgendwo in der Zukunft war. Während meines Yogateachertrainings habe ich allerdings gelernt, dass man im Jetzt leben und sich nicht ständig nur von Vergangenem oder Zukünftigem leiten lassen soll. Denn wenn man das nicht tut, verpasst man die schönen Momente im Leben. Und ist es nicht so, dass im Endeffekt die vielen, kleinen Momente das Leben ausmachen und nicht die wenigen großen? Ich muss ehrlich sagen, es fällt mir nach wie vor oft schwer im Jetzt zu leben und ich finde auch, dass nur im Jetzt zu leben und gar nicht an die Zukunft zu denken auch keine kluge Entscheidung wäre. Aber nur auf die Zukunft hinzuarbeiten und die Gegenwart dadurch nicht mehr wahrzunehmen, nicht mehr zu genießen, ist etwas das ich nicht mehr tun möchte. Ich versuche daher mehr im Moment zu leben.
Ich setze mir also selber keine Deadlines mehr, die mir sagen mit welchem Alter ich was erreicht haben muss. Denn was ich heute will und was mich heute glücklich macht, kann morgen schon wieder genau das Gegenteilige bewirken. Klar habe ich nach wie vor Ziele, die ich gern erreichen würde und auf die ich auch hinarbeite. Aber eben andere als mit 20. Und wenn die sich in ein paar Jahren wieder ändern dann ist das auch okay. Ich muss nämlich nicht mein Leben lang in der selben Stadt, im selben Haus, mit dem selben Job leben.
Wir machen uns immer so viele Gedanken darüber wie wir unser Leben führen wollen. Gutbürgerlich, den Erwartungen der Gesellschaft entsprechend und vorhersehbar oder ungewiss und unstetig aber dafür voller Emotionen? Ich entscheide mich (momentan) für Letzteres.
Danke an mein Ying für den Denkanstoß zu diesem letzten Absatz. <3

❤️❤️❤️
Danke! Die Worte hab ich genau gebraucht und kann jetzt überlegen wie ich meine Fesseln etwas lockere.
Freut mich immer wenn ich wem mit meinen Worten helfen kann :)
Das hast du sehr schön geschrieben. Das so einzusehen und umzusetzen ist jedoch nicht immer leicht :-)
Schöner Artikel – trifft mich persönlich und meine Gedanken gerade sehr! Den meisten Stress macht man sich doch immer selbst, weil irgendwelche Erwartungen (eigene oder fremde) nicht erfüllt werden!
Alles Gute auf deinem weiteren Weg! :)
Alles Liebe,
Petra
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