Vulkan Rinjani

Die Besteigung des Vulkans Rinjani oder wie ich an meine Grenzen gestoßen bin

„Wieso kann ich nicht einer von den Menschen sein, die glücklich und zufrieden sind, wenn sie lange schlafen, den ganzen Tag am Strand liegen, ein Buch lesen und abends nach einem guten Essen ins Bett gehen?“

„Wieso muss ich einer der Menschen sein, die ständig neue Dinge ausprobieren und neue Herausforderungen suchen müssen?“

„Wieso muss ich ganz rauf, der Sonnenaufgang ist von etwas weiter unten doch bestimmt genau so schön?“

„Was wenn ich vor Erschöpfung ohnmächtig werde, dann abstürze und auch zu den Opfern zähle, die an der Besteigung des Rinjani gescheitert sind?“

Diese Gedanken schossen mir bei meiner Besteigung des Vulkans Rinjani nicht nur einmal durch den Kopf. Als ich jedoch zitternd vor Kälte und Erschöpfung, den Tränen nahe und schlecht vor Anstrengung den Gipfel des 3726m hohen Vulkans pünktlich zum Sonnenaufgang um knapp nach 6.00 Uhr morgens erreicht hab, wusste ich wieder genau warum.

Der Rinjani ist ein Schichtvulkan auf Lombok und mit 3726m der zweithöchste Vulkan des Landes. Die letzte größeren Eruptionen waren in den Jahren 2009 und 2010. Ein Ausbruch im 1257 bescherte Europa einst ein Jahr ohne Sommer und löste Hungersnöte aus.

Es gibt mehrere Varianten der Trekkingtour. Am beliebtesten ist die 3 Tage/2 Nächte Option, die ich ursprünglich geplant hatte. Aufgrund einer Verletzung am Fuß hab ich mich dann aber kurzfristig doch für die 2 Tage/1 Nacht Option entschieden. Die Kosten beliefen sich auf 1,3 Mio. Gebucht hab ich die Tour bei einem Anbieter auf Gili Trawangan. In vielen Berichten hab ich zuvor gelesen, dass nur die teuren Anbieter gut sein sollen. Ich hatte jedoch an meinem absolut nichts auszusetzen und war rundum zufrieden.

Tag 1

Um 7.00 Uhr morgens ging es mit dem Boot von Gili Trawangan los. Nach einem Frühstück wurden wir zum Ausgangspunkt des Treks dem Ort Sembalun gebracht, der auf einer Seehöhe von 1156m liegt.

Wir waren eine Gruppe von 10 Leuten, einem Guide und etlichen Trägern. Die Träger sind junge einheimische Burschen, die Zelte, Ausrüstung und Essen mit einem Gewicht von je ca. 20kg an einem Bambusstock befestigt in Flip Flops und mit einer Kippe im Mund für uns Vulkantouristen den Berg hinauf schleppen. Dabei sind sie noch um einiges schneller als die meisten von uns gewesen.

Am ersten Tag legten wir in einer Zeit von ca. 5 Stunden 1483 Höhenmeter zu unserem Übernachtungsplatz am Kraterrand in einer Seehöhe von 2639m zurück. Die Distanz beläuft sich zwar nur auf knappe 8km, es ist allerdings die Höhe mir der wir zu kämpfen hatten.

Der erste Teil der Strecke ist abgesehen von der Hitze einfach. Man geht zumeist durch meterhohes Gras bei einer relativ moderaten Steigung auf befestigten Wegen. Kunterbunte Schmetterlinge tanzen über den Köpfen und man kann die Schönheit der Vegetation bewundern.

Ab 1500 Meter wird es allerdings schwierig. Es geht wahnsinnig steil bergauf, über Stock und Stein. Die Wege sind schmal und von Wurzeln überwuchert.  Man muss sich seinen Weg genau aussuchen uns sehr trittsicher sein. Zwischendurch auch mal auf allen Vieren krabbeln. Der Schweiß ran in Strömen an mir herunter, alle 10 Minuten musste ich eine kurze Pause machen. Ich glaub die Verzweiflung stand mir ins Gesicht geschrieben, da mir ein Freund schließlich meinen Rucksack abgenommen hat. Ab diesem Zeitpunkt war es nur mehr halb so schwer. Der Moment wenn man schließlich in die Wolkendecke eintaucht und nur mehr von Nebel umringt ist, aus dem leichter Sprühregen kommt, war dennoch unbeschreiblich. Ich fühlte mich wie in Hobbitland.

Nachdem ich diverse Guides etliche Male mit der Frage durchlöchert hatte, wie lang es denn noch sei, sah ich endlich die Zelte über mir. Der Schmerz der letzten Stunden war vergessen und ich rannte die letzten Meter nach oben, um erstmal eine Coka Cola und den besten Schokoladenriegel meines Lebens zu genießen. Nach dem Freudentanz, hatte ich auch wieder Zeit mich auf mein Umfeld zu konzentrieren. Ich befand mich am Kraterrand des Rinjani und der Blick in die riesige Caldera und den Vulkansee machte die Mühen der letzten Stunden mehr als nur wieder gut. Inmitten der Caldera ist außerdem ein Baby-Vulkan gewachsen. Der Mount Baru, aus dem eine dünne weiße Rauchsäule aufstieg.

Nach einem herrlichen Abendessen und einem atemberaubenden Sonnenuntergang hieß es um 20.00 Uhr Schlafenszeit. Eingemummt und trotzdem frierend in meinen Schlafsack gekuschelt, versuchte ich zu schlafen. Das hat nicht so gut funktioniert. Ich glaube ich habe in Summe nicht mehr als zwei Stunden am Stück geschlafen. Der Wind pfiff mir um die Ohren und ich hatte das Gefühl, als würde mir das Zelt über dem Kopf weggerissen werden. Hinzu kam noch die Nervosität vor der Gipfelbesteigung des nächsten Tages.

Tag 2

2.30 Uhr Tagwache. Nach einem Sandwich und einer Tasse Tee um 3.00 Uhr Abmarsch. Mit Stirnlampe bewaffnet machten wir uns im Gänsemarsch auf den Weg zum langersehnten Gipfel. Anspannung lag in der Luft. Es war windig, stockfinster und bitterkalt. Der Blick in den Sternenhimmel entschädigte zwischendurch. Viel Zeit zum Schauen blieb aber nicht. Der Weg verlangte uns alles ab. Tiefer Vulkansand, Steine, Geröll. Der Weg ist schmal und fällt auf beiden Seiten steil ins Bodenlose ab. Konzentration und präzise Schritte sind Pflicht. Zwei Schritte vor, einer zurück. Der Gipfel so nah und doch so fern. Mit den Kräften beinahe am Ende schleppte ich mich Schritt für Schritt weiter nach oben. Nur nicht runter schauen. Ich hab schließlich Höhenangst. Gut, dass es dunkel war.

Kein Sonnenaufgang der Welt kann so schön sein, dass er das wert ist. Zwischendurch war es so steil, dass nicht einmal eine Pause möglich war ohne zurück zu rutschen. Es wurde langsam heller. Der Verzweiflung nahe und den baldigen  Sonnenaufgang im Rücken, war Aufgeben aber keine Option. Und schließlich haargenau zum Sonnenaufgang erreichte ich nach dreistündiger Tortur den Gipfel. Tränen schossen mir in die Augen und ich wusste wieder genau warum die Besteigung des Rinjani es wert war. Das Gefühl am Gipfel zu stehen entschädigte für alles. Die Strapazen und Qualen waren vergessen.

Der Abstieg zum Kraterrand war eine lustige Rutschpartie im Vulkansand. Entgegen kamen uns die Wanderer, die es nicht bis zum Sonnenaufgang nach oben geschafft hatten. Die Verzweiflung und die Schmerzen standen ihnen ins Gesicht geschrieben. Wir versuchten es mit Aufmunterungs- und Anfeuerungsrufen. Nach einem Frühstück und einer kurzen Verschnaufpause war es auch schon Zeit für den restlichen Abstieg zum Ausgangspunkt. Auch dieser verlangte ein Höchstmaß an Konzentration. Zwischendurch war es trotzdem unvermeidlich am Po zu landen.

An alle die andenken eine Rinjani-Besteigung zu machen: bitte gebt den Guides und vor allem den Trägern ein ordentliches Trinkgeld. Ihre Gehälter sind mickrig und sie riskieren mit ihrer nicht vorhandenen Ausrüstung bei der Besteigung, die sie oft mehrmals die Woche machen, ihr Leben. Es gab schon einige Todesfälle. Außerdem nehmt die richtige Ausrüstung mit und seid euch bewusst, dass es einiges an Kondition benötigt den Vulkan zu besteigen. Ich hab Leute gesehen, die mit Jeans und Sneakers gegangen sind. Dafür fehlt mir wirklich jegliches Verständnis. Eine ordentliche Ausrüstung ist jedenfalls Voraussetzung.

Rückblickend gesehen, war die Besteigung des Vulkans Rinjani das körperlich schwierigste aber auch eines der schönsten Ereignisse in meinem Leben. Das Gefühl über den Wolken zu sein ist magisch. Die Natur wunderschön und abwechslungsreich. Ich habe meinem Körper alles abverlangt und bin an meine Grenzen gestoßen. Meine Höhenangst gehört wohl der Geschichte an. Der Halbmarathon den ich im Herbst 2015 gelaufen bin war ein Kindergeburtstag dagegen. Während ich diese Zeilen schreibe, liege ich in meinem Hotelbett mit hochgelagerten Füßen, die mit Blasen überseht sind. Mein Muskelkater ist so enorm, dass ich mich kaum bewegen kann. Aber ich bin glücklich und stolz auf mich, es geschafft zu haben.

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2 Comments

  • Tagelang haben wir uns damals den Kopf zerbrochen, ob wir den Aufstieg wagen sollen, oder nicht. Die Entscheidung hat und schließlich eine verdreckte Klimaanlage in unserem Hotelzimmer auf Lombok abgenommen – wir lagen ca. eine Woche flach. Aber irgendwann müssen wir das nachholen – deine Geschichte hat sicher auch beigetragen ;-)
    Liebe Grüße!

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